Eigenverantwortung ist wichtig. Aber sie reicht nicht.
Vor ein paar Tagen bin ich über eine These gestolpert die mich nicht loslässt: Eigenverantwortung wird massiv überschätzt. Ich hätte das vor ein paar Jahren noch anders gesehen. Heute nicht mehr.
Wo ich herkomme
Ich bin 41. Aufgewachsen in Verhältnissen wo niemand dir sagt wie man Geld verwaltet, wie man sich gesund ernährt oder was ein Karriereplan überhaupt ist. Du lernst was du siehst. Und wenn du nicht viel siehst, weißt du auch nicht viel.
Mit 20 war ich Koch. Nicht weil es mein Traum war, sondern weil es eine Ausbildung war die ich kriegen konnte. 20 Jahre lang. Schichten, schlechtes Essen, kein Schlaf, kein Sport. Das Ergebnis war ein Körper der irgendwann nicht mehr mitmachte.
Ich wog deutlich über 200 kg.
Jetzt kommt der Teil wo viele sagen: du hast es ja selbst in der Hand gehabt. Und ja, irgendwo stimmt das. Aber diese Aussage ignoriert so viel.
Was die Eigenverantwortungs-Erzählung verschweigt
Sie ignoriert dass du Umgebungen brauchst die gesundes Verhalten überhaupt erst ermöglichen. Zugang zu gutem Essen. Zeit für Sport. Mentale Stabilität um überhaupt Entscheidungen zu treffen. Wer 12 Stunden auf den Beinen ist und sich noch um eine Familie kümmert hat andere Kapazitäten als jemand der mit einem Privattrainer aufgewachsen ist.
Sie ignoriert Pech. Krankheiten, Unfälle, familiäre Krisen. Dinge die einfach passieren und dich zurückwerfen ohne dass du etwas falsch gemacht hast.
Und sie ignoriert vor allem eins: Durchhalten ist keine Charakterfrage. Es ist eine Frage der Struktur.
Was wirklich den Unterschied gemacht hat
Ich habe 75 kg abgenommen. Nicht weil ich irgendwann den richtigen Schalter umgelegt habe. Nicht weil ich endlich willensstark genug war. Sondern weil ich aufgehört habe es alleine zu versuchen.
Ich hatte jemanden der mich kannte. Der fragte. Der nicht wegschaute wenn ich strauchelte. Kein Coach, kein Therapeut. Einfach jemand der täglich nachgefragt hat ob ich das gemacht habe was ich mir vorgenommen hatte.
Das klingt simpel. Ist es auch. Aber der Effekt ist alles andere als simpel.
Der größte Feind ist nicht Faulheit
Der größte Feind von Veränderung ist nicht Faulheit. Es ist Isolation. Du kämpfst alleine, du scheiterst alleine, du gibst alleine auf. Und dann erzählst du dir selbst dass du einfach nicht der Typ dafür bist.
Ich glaube an Eigenverantwortung. Aber ich glaube nicht dass sie im Vakuum funktioniert. Eigenverantwortung braucht ein Fundament. Und dieses Fundament ist nicht Willenskraft. Es sind Menschen.
Das bedeutet nicht aufgeben. Das bedeutet ehrlich sein darüber was du wirklich brauchst um voranzukommen. Und manchmal ist die ehrlichste Antwort: ich brauche jemanden der mich nicht vergisst.
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